Schichten – vom Malen und vom Leben
Im Moment experimentiere ich malend mit Schichten, einerseits mit Flüssigaquarell andererseits mit stark verdünnter Gouache. Und dann bin ich ja immer noch auf der Suche nach einem Thema, das mich über verschiedene gestalterische Arbeiten begleiten und mir etwas einen roten Faden geben kann, sodass ich mich nicht allzu sehr verzettle.
Item. Vom Malen der Schichten bin ich ganz begeistert. Diese Herangehensweise hat schon fast etwas Meditatives und wirkt auf mich sehr beruhigend. Ich nehme ein A3-Papier, das für mein Projekt eine geeignete Qualität aufweist, klebe dieses in kleinere Bereiche ab, die ich – wenn ich später mag – ausschneiden kann. Zum Start wähle ich zwei Farben, die mich ansprechen und deren Zusammenspiel ich beobachten möchte. Ich arbeite so trocken wie möglich, damit die Schichten schnell trocknen. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt eine Schichtung sichtbar wird, ansonsten vermischen sich die Farben.
Während ich experimentiere und mich über die Resultate und was ich beobachte, freue, mache ich spannende Entdeckungen: Manchmal wird für mich ein Bild erst durch die Schichten «schön», manchmal holt eine obere Schicht eine untere erst recht hervor, lässt sie «aufscheinen». Und es gibt ein «Zuviel» an Schichten. Dann werden untere spannende Schichten «überdeckt» und verlieren ihre Ausstrahlung. Es gibt so etwas wie einen Sättigungspunkt, wenn ich den überschreite, ist es zu viel und das Bild verliert für mich an Spannung.
Das Thema der Schichten fasziniert mich und ich sehe Parallelen zum psychologischen Funktionieren von uns Menschen. Für mich sind die Lebenserfahrungen, die ein Mensch macht, auch «Schichten», die sich übereinanderlegen, manchmal bewusster, manchmal weniger bewusst. Dieser Erfahrungsreichtum kann einen Menschen «schön» machen, ihm eine Tiefe geben, die spannend ist. Eine neue Erfahrung kann eine darunterliegende Schicht «aufscheinen» lassen. Sei dies im Sinne einer schwierigen Erfahrung, die wieder aktiviert wird und in diesem Sinne «aufleuchtet», sei es, dass eine schwierige Erfahrung durch eine neue Erfahrung plötzlich in einem neuen Licht erscheint, indem sie Sinn ergibt oder anders beurteilt wird, zum Beispiel relativiert.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, dass in meiner Herkunftsfamilie die köstliche Versorgung, das Essen, saubere, ganze Kleidung etc. immer einen hohen Stellenwert gehabt hat, während vielleicht emotionale Befindlichkeiten eher untergeordnet zur Kenntnis genommen wurden. Lange Zeit habe ich diesen starken Fokus auf das Essen und dass alle gut und gesund ernährt sind, mindestens etwas belächelt bis schon etwas abgewertet. Ich hätte mir gewünscht, den Fokus vom Essen etwas weg hin zum Innenleben gerichtet zu bekommen.
Item. Als wir dann selbst zwei kleine Kinder hatten, die es gesund und gut zu ernähren galt (eine neue Erfahrungsschicht, die sich über die alte gelegt hat), habe ich die Erfahrung, gut und gesund ernährt worden zu sein, plötzlich ganz anders würdigen können. Ich habe erkennen können, wie anspruchsvoll es ist, Kindern jeden Tag (eine andere) gesunde Mahlzeit auf den Tisch zu stellen, dafür zu sorgen, dass sie saubere, dem Wetter angepasste Kleidung zur Verfügung haben.
Oder ein anderes Beispiel: Manchmal sehe ich, wie junge Menschen unter der Erwartung leiden, was sie alles erreichen, welche Ausbildung sie erzielen sollten, welchen Beruf sie zu erlernen haben. Diese Erfahrung zu machen, lässt bei mir plötzlich aufscheinen, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass an mich keine Erwartungen gestellt wurden, gute Noten zu haben, einen besonderen beruflichen Weg einzuschlagen. Das war für mich genau richtig. (Während ich für einige Zeit dachte, etwas mehr Erwartung hätte jetzt auch nicht geschadet.)
Wir lernen mit den (Erfahrungs-)Schichten, was ein Bild für uns bedeutet, wir lernen zu verstehen und einzuordnen. Und wir können mit dem Schichten Geduld üben lernen, dass auch unser Bild entsteht, durch achtsames Erfahren, ohne zuzudecken, zu überlagern. Wollen wir zu schnell zu viel, so verpassen wir das Bild in die Tiefe entstehen zu lassen. Unser Bild. Auch hier ist das Gestalten ein Probe-Handeln, wie es die Kunsttherapie häufig für sich in Anspruch nimmt. Wir lernen durch das Gestalten für das Leben.
Mit Herzlichen Grüssen
Andrea Bütikofer